Es ist kurz vor Weihnachten, letzter Einkaufssamstag. Am Münchner Marienplatz tummeln sich wohl gerade die Massen mit Glühwein neben quengelnden Kindern im Schneematsch. Irgendwo wird George Michael‘s „Last Christmas“ dudeln. Wir Fünf sitzen entspannt am Gamsjet in Lermoos (Tirol, Österreich; Anm.), vor uns schwebt ein Sechsersessel voll guter Freunde, hinter uns liegt die Zugspitze im Nachmittagslicht.

 

„Stade Zeit“ heißt die Adventzeit in Bayern. Aber unser Familienkalender quillt im Dezember stets über. Donnerstag: Weihnachtsfeier Klaus, Adventbasteln in der Grundschule; Freitag: Trompeten-Vorspiel Philip, Weihnachtsbasar; Wochenende: Singen am Weihnachtsmarkt, Kirche, Adventfeier im Tennisclub; Dienstag: Schulkonzert. Von wegen stad!

           

Doch dann erzählte meine Freundin Marion von ihrem geplanten Hüttenwochenende in einem Skigebiet in Tirol. Ob wir mitkommen wollten … eine Woche VOR Weihnachten!  Der Familienrat war einstimmig wie nie, wir wollten alle. Unser Großer, Bernhard, rief kurz darauf seinen besten Freund an, schwupps waren wir schon zu 12. Noch in derselben Nacht hat es stundenlang dicke weiße Flocken geschneit.

 

Es war ein Mords-Hallo am Parkplatz in Lermoos, alle freuten sich, alle hatten ausgeschlafen. Denn wer abends nicht nach Hause muss, kann in Ruhe frühstücken und zur Halbtageskarte anreisen. Nun geht’s also mit dem Gamsjet hinauf zum Grubigstein auf 2.200 Meter.

 

Ein eisiger Wind bläst uns ins Gesicht, Neuschnee und strahlend blauer Himmel so weit das Auge reicht. Und es reicht weit. Der Grubigstein liegt am Nordrand der Lechtaler Alpen, wir blicken auf Lermoos, die Mieminger Kette, Ehrwald und die Zugspitze, den Star auch auf Tiroler Seite. Zahlenkind Thommy und Bergfan Philip haben natürlich die 2.962 Meter parat. 

 

Kurz darauf ist Schluss mit Panorama, die Kinder wollen los, es ist kalt. Wir orientieren uns kurz an blauen, roten und schwarzen Pistenschildern, fragen zur Sicherheit den bärtigen Liftmann, …los geht’s in Richtung Wolfratshauser Hütte. Denn vor dem Skivergnügen wollen wir die dicken Rucksäcke loswerden.

Lermoos

Bild: Vater und Sohn starten zum Skiabenteuer.

Die Hütte des Deutschen Alpenvereins liegt etwas abseits der Piste, ist aber leicht über einen kleinen Schlenker zu erreichen auf der Skiroute 12, die wie die Hütte heißt. Von der Standardabfahrt zweigen wir also auf der Höhe Waldabfahrt rechts ab. Die Männer entdecken natürlich gleich die steile Rinne oberhalb, in der sie bei der abendlichen letzten Abfahrt zur Hütte powdern wollen. Die Kinder fühlen sich wohl am „Geheimweg“ zur Hütte, schanzen vergnügt über einige Buckel und wir landen quasi direkt auf der Sonnenterrasse!

Die Wirtsleute sind noch fleißig beim Herräumen, es ist das erste Wochenende der Wintersaison. Beim Anblick unseres Zimmers beschwert sich Thommy, unser Jüngster: „Da hätte ich meinen Schlafsack gar nicht mitschleppen müssen“. Er hat recht. Wir und Marions Familie nächtigen in einem freundlich-hellen, warmen Zimmer mit Stockbetten aus hellem Holz und rot-weiß-rot karierter Bettwäsche. Sehr komfortabel! Bernhard, sein Freund Manu samt Eltern und Schwester machen sich’s dagegen zu fünft im Zehnerlager gemütlich. Stauraum ist genügend da, durch das Sprossenfenster schauen wir auf die steile Schneewand hinter der Hütte. Gemeinschaftsduschen und Klos sind ein paar Meter weiter.

Doch die Lust auf’s Skifahren an diesem schönen klirrkalten Tag siegt über die Neugierde. Nur die beiden Jüngsten, Thommy und David, wollen am liebsten gleich dableiben. Der Hüttenzauber wirkt bereits. Die Väter verstehen das gar nicht und drängen zum Aufbruch.

                                     

Die Lieblingsstrecke der Kinder ist rasch entdeckt. Unter dem Gamsjet führt ein schmaler Weg zwischen großen verschneiten Buckeln und Latschen durch, dazwischen Schanzen, eine kleine Berg- und Talbahn sozusagen, die nicht nur den Kleinen sehr viel Spaß macht. Dennoch kommen sie gegen vier Uhr nachmittags ohne Murren mit zur Hütte. Die Skier lassen wir auf der Terrasse. Ab in die Dusche!

Zugspitze

Bild: Das Massiv der Zugspitze (links) dominiert das Panorama bei der Hütte.

Unten in der Wirtsstube spielen die Kinder Karten, knabbern Kekse. Wir Großen stimmen uns mit Tee und Bier auf einen gemütlichen Hüttenabend ein. Durch ein Stubenfenster schaue ich wieder auf die Zugspitze. Der Mond steht genau über ihr! Dann servieren Bettina und Werner. Es gibt nur Grillplatte oder Spaghetti, weil sie ja gerade erst geöffnet haben. Egal, uns schmeckt’s. Danach hocken wir einfach beisammen und plaudern, während Bernie und Manu noch draußen im Schnee herumtollen.

Nach einem herrlichen Frühstück zwingt uns am Sonntag stürmischer Wind früher als geplant zum Einkehrschwung, die oberen Lifte schließen. Doch das kann dem entspannenden Wochenende nichts mehr anhaben, ganz im Gegenteil. Als wir dann auf der Heimfahrt in unsere Straße einbiegen, lese ich am „BILD-Zeitungsständer an der Ecke: „Handel jubelt über Weihnachtsgeschäft XXL“ – „Ohne mich ….“, denke ich und drehe mich um. Von der Rückbank schauen mich drei müde, zufriedene Jungs an.

Weitere Infos: Wolfratshauser Hütte