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Europas ungewöhnlichste Skigebiete: Schussfahrt im Flachland

14. Januar 2019 | Christoph Schrahe

Europas ungewöhnlichste Skigebiete: Schussfahrt im Flachland

Skifahren oder Snowboarden vor der Haustür. Danach sehnt man sich als passionierter Schneesportler. Über das Glück, Berge mit viel Schnee in der Nähe zu haben, verfügen zwischen Atlantik und Ural aber längst nicht alle. Die gute Nachricht: Für ein Skigebiet braucht es weder richtige Berge noch nennenswerte Schneefälle - nur eine ordentliche Portion guten Willens. So scheint es jedenfalls. Anders ist es kaum zu erklären, dass man selbst in Ländern Skifahren kann, die man spontan mit Begriffen wie topfeben oder ewiger Frühling verbindet.


Abfahrt vom Kiesberg

 

Dänemark ist das niedrigste Land Europas, die höchste natürliche Erhebung, der Møllehøj, misst gerade mal 171 Meter. Platt wie eine Flunder ist dagegen die Landschaft südlich der Wikingerstadt Roskilde. Trotzdem träumten die Mitglieder des örtlichen Skiclubs von einem eigenen Skigebiet. Als in der Nähe eine große Kiesgrube ihren Betrieb aufnahm, baten Sie deren Betreiber, doch einen Berg aufzuschütten. Er tat es und 1987 eröffnete das Hedeland Skicenter, heute mit drei Liften und 45 Höhenmetern Dänemarks größtes Skigebiet. Seither läuft der Betrieb ausschließlich auf Basis freiwilligen Engagements der 800 Clubmitglieder, Skikurse für Kinder sind kostenlos. Umso bedauerlicher, das Frau Holle diesen Einsatz nicht belohnt. Oft genug endet trotz der vier Schneekanonen nach zwei oder drei Betriebstagen die Saison.

 

Halb Halle, halb Berg - Skifahren in Litauen

 

Statt mit Baggern hat man der Topographie im littauischen Thermalbadeort Druskininkai mit Stahlbau nachgeholfen. Die gut 100 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Vilnius gelegene Snowarena ist eine weltweit einmalige Kombination aus Skihalle und normalem Skigebiet: Zwei Pisten befinden sich im Inneren und eine 640 Meter lange Abfahrt draußen. Letztere öffnet bei Temperaturen unter fünf Grad, im kontinentalen Klima Südlitauens also verlässlich zwischen Dezember und März. Für die Bergfahrt per Sesselbahn aus Schweizer Produktion muss man dann wieder in die Halle hineinfahren. Der Skibetrieb läuft unter Flutlicht bis in den späten Abend. Dank des Unterbaus kommen 66 Höhenmeter zusammen. Für ein Land, dessen höchste Erhebung 294 Meter misst, ein respektabler Wert.




Schwarze Piste in Sigulda

 

Nur etwas höher ragen die lettischen Hügel in den baltischen Himmel: Der Gaizinkalns, 120 Kilometer östlich von Riga, kommt auf 311 Meter Höhe. Etwa auf halber Strecke liegt mit Sigulda der bekannteste Wintersportort des Landes. Der Eiskanal vom Ort hinunter ins Tal des Flusses Gauja ist alljährlich Station des Rodel-Weltcups. Neben der Bahn befindet sich Siguldas schwarze Skipiste, die Kordes-Abfahrt. Die Höhenlage von 20 bis 100 Meter ist zwar bescheiden, aber Beschneiungsanlagen garantieren eine Saison von Dezember bis März. Einige weitere Alpinareale reihen sich entlang des Flussufers auf: Pilsétas bietet sogar eine Sesselbahn, Reina mit fünf Anlagen die meisten Lifte. Die 1200 Meter lange Kabinenbahn über den Fluss erschließt keine Abfahrten, aber tolle Ausblicke auf die drei Schlösser der Stadt.

 

Baltisches Freestyle-Mekka: Kuutsemäe

 

In Estland steht nicht nur der höchste Berg des Baltikums, der 318 Meter hohe Suur Munamägi, das Land beheimatet mit Kuutsemäe auch eines der größten Skigebiete der Region. Die Lifte erschließen Abfahrten, die in vier Richtungen von einer 220 Meter hohen Kuppe hinunterführen. Freestyler freuen sich über eine Halfpipe und einen Funpark. Kuutsemäe liegt unweit der estländischen Winterhauptstadt Otepäa, das mit Biathlonstadion, Sprungschanzen und Loipen durch die hügelige, von zahlreichen Seen durchsetzte Landschaft weitere Wintersportmöglichkeiten bietet. Auch per Snowmobil kann man die Gegend erkunden. Schnee liegt hier oft bis in den April hinein.


Belgien: Nur mit viel gutem Willen

 

Davon kann man im belgischen Hohen Venn nur träumen, obwohl das Signal de Botrange immerhin 694 Meter Meereshöhe erreicht. Zu nah liegt die warme Nordsee, die Niederschläge fallen auch im Winter meist als Regen. So kommt das benachbarte Alpinskigebiet Ovifat meist nur auf wenige Skitage, manchmal fällt der Winter ganz aus. Mit seinen vier altertümlichen Schleppliften, die teilweise noch über Holzstützen verfügen, und Abfahrten zwischen 530 und 605 Meter Höhe ist es eines der größten belgischen Skigebiete. Dass es überhaupt noch existiert, ist dem Engagement des Skiclubs zu verdanken, der den Betrieb auf nicht kommerzieller Basis trotz aller witterungsmäßigen Rückschläge weiter aufrechterhält.

 

Mit Teller und Toilette: Raise Town

 

Nass und mild ist das Klima auch im englischen Lake District, einer der niederschlagsreichsten Gegenden Europas. Am 978 Meter hohen Scafell Pike, dem höchsten Berg Englands, fallen rund 5000 Millimeter Regen pro Jahr. Im Winter ist auch mal Schnee darunter. Dann machen sich die hartgesottensten unter den europäischen Skisportlern auf den beschwerlichen Weg zum Raise Tow. Das ist nur zu Fuß erreichbar, für die Orientierung wird die Mitnahme von Karte und Kompass empfohlen, auf dem letzten Stück gibt es nicht mal mehr einen Weg. Wer bis zu "Englands führendem Skigebiet" vordringt (gut eine Stunde Aufstieg muss man einplanen), der kann sich über bis zu elf anspruchsvolle, unpräparierte Abfahrten zwischen 870 und 730 Meter Höhe freuen, je nachdem, wo der beständige Wind gerade noch etwas Schnee übrig gelassen hat. Ein 400 Meter langer Tellerlift führt nach oben. Seit 2011 gibt es sogar eine beheizte Toilette am Berg - der ganze Stolz des Skiclubs.

 

Echter Wintersport in Ungarn

 

Professioneller geht es wintersporttechnisch im Land der Puszta zu. Außer über Steppen verfügt Ungarn nämlich auch über einige Gebirgszüge. Deren höchster, das Mátra-Gebirge im Kékes, erreicht 1014 Meter Höhe. Das modernste Skigebiet des Landes heißt Eplény und verfügt nicht nur über Toiletten und Parkplätze direkt an der Talstation, sondern auch über sieben Aufstiegshilfen zwischen 325 und 509 Meter Höhe, die längste Skipiste (1,9 km) und den größten Funpark des Landes, Flutlicht, Schneeerzeuger, mehrere Rodelbahnen, Skiverleih und Restaurant. Von Budapest sind es rund 120 Kilometer, vom Balaton etwa eine halbe Stunde bis Eplény. Stolz ist man hier besonders auf die einzige Vierersesselbahn Ungarns, die dem Areal 2009 einen echten Quantensprung beim Liftkomfort bescherte.

 

Olympisches Vergnügen auf Zypern

 

Den hat auch das Skigebiet am höchsten Berg Zyperns vollzogen. Immerhin ein Dreiersessel erschließt seit einigen Jahren die kurzen, aber rassigen Nordhänge am 1952 Meter hohen Olympos. Insgesamt betreibt der Cyprus Ski Club vier Liftanlagen am Berg, zwei davon im Sun Valley, dessen Pisten eher für Anfänger geeignet sind als die FIS-homologierte Slalomstrecke an der Sesselbahn, die von 1810 auf 1930 Meter Höhe führt. Der Club wurde 1947 gegründet, als die Insel noch Teil des britischen Empire war. Der erste Lift entstand 20 Jahre später. Normalerweise dauert die Saison von Januar bis Anfang März. Mittlerweile verfügt der Club auch über drei Schneekanonen. Die können wegen des milden Klimas aber nur selten eingesetzt werden. Vor einer Skireise nach Zypern sollte man daher unbedingt den Schneebericht prüfen.

 

Ganz im Westen Europas

 

Das gilt auch für Wintersport-Trips in die portugiesische Serra da Estrella. Zwar hat man dort eine leistungsstarke Beschneiungsanlage in Stellung gebracht, bei zu milden Temperaturen richtet die aber gar nichts aus. Während man in Zypern am östlichen Ende Europas durch Nadelwälder kurvt, sind die Höhenlagen der Serra da Estrella baumlos. Ansonsten weist das westlichste Skigebiet Europas ähnliche Eckdaten wie der Olympos auf: 1851 bis 1988 Meter, eine Sesselbahn, zwei Schlepplifte, acht Pisten und ein Snowpark. Von Porto fährt man gut 2,5 Stunden bis in den Schnee, von Lissabon gut drei Stunden in das einzige Skigebiet des Landes.

 

Seilbahn in Schleswig-Holstein

 

Für ein ungewöhnliches europäisches Skiland muss man aber gar nicht in die Ferne schweifen. Das Bundesland Schleswig-Holstein kommt trotz eines Landstrichs namens Holsteinische Schweiz nicht über 168 Meter Meereshöhe hinaus. Die werden am Bungsberg erreicht. Und genau dort befindet sich der einzige Skilift des Landes, ein rund 250 Meter langer Umlaufbügellift. Der lief im Winter 2009/10 immerhin an 54 Tagen, seit 2016 steht der Lift allerdings still. Grundstückseigentümer und der Zweckverband Bungsberg liegen im Clinch, zudem fehlt ein Betreiber und die notwendige TÜV-Prüfung. Schade, denn in Schleswig-Holstein war der Bungsberg stets ein beliebtes Ausflugsziel für Skifreunde!



Weitere Informationen:

Hedeland Skicenter: Dänemark: www.roskildeskiklub.dk
Ovifat, Belgien: www.skialpin-ovifat.com
Raise Tow, England: www.ldscsnowski.co.uk
Mount Olympus, Zypern: www.cyprusski.com
Serra da Estrella, Portugal: www.skiserradaestrela.com

Bilder & Videos

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